Energieeffizienz an erster Stelle: Standards für eine nachhaltige Zukunft setzen

Morten Helveg Petersen ist dänisches MdEP, Vizepräsident des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments und Mitglied der Fraktion Renew Europe. Im Interview mit Vincenzo Conforti von ABB erörtert er die Rolle, die die EU und Unternehmen bei der Steigerung der Energieeffizienz in Europa und weltweit spielen müssen.

Die Erkenntnis, dass die Energienutzung nachhaltiger und effizienter werden muss, ist nicht neu. Seit zwei Jahrzehnten setzt sich die EU für die Förderung der Energieeffizienz ein, und viele Parlamentarier teilen diese Vision. „Das Europäische Parlament bestimmt seit vielen Jahren die Agenda“, sagt Morten Petersen. „Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fraktionen spreche, sehe ich deutlich, dass der Grundsatz ‚Energieeffizienz an erster Stelle‘ bei der Erfüllung unserer Ziele eine Schlüsselrolle spielt.“

Der Teufel steckt im Detail

Mit dem zentralen Grundsatz „Energieeffizienz an erster Stelle“ soll die nachhaltige und erschwingliche Energieversorgung in der EU sichergestellt werden. Die Strategie umfasst das Ziel, den Energieverbrauch um 32,5 Prozent zu senken, und enthält unter anderem Richtlinien zur Energieeffizienz von Gebäuden und Konsumgütern.

Petersen sieht mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen keinen Grund, sich zurückzulehnen. „Wir haben die Aufmerksamkeit des Parlaments, müssen aber ständig darauf drängen, dass das Thema auf der Tagesordnung bleibt“, erklärt er. „Es ist ganz wichtig, dass wir den Bereich Energieeffizienz ambitioniert angehen. Wir sind mit einer Flut von Rechtsvorschriften konfrontiert. Da ist es eine Aufgabe für sich, einen kohärenten, systematischen Ansatz sicherzustellen und zu gewährleisten, dass der Energieeffizienz-Grundsatz berücksichtigt wird. Der Teufel wird wie immer im Detail stecken, wir müssen also wachsam bleiben.“


“Mit jedem Tag, den wir ohne entschiedenes Vorgehen verstreichen lassen, wird es schwieriger.”

Motivation stärken

Einige Energieeffizienzstandards seien weiter fortgeschritten als andere, so Petersen. Es gibt in Europa zum Beispiel schon lange Regelungen für Glühlampen oder Elektromotoren. Die Anwendung von Effizienzvorschriften auf neue Bereiche kann jedoch Widerstand hervorrufen. „Nehmen wir zum Beispiel die Sanierung von Gebäuden, die auch bei hoher Rendite oder kurzer Amortisationszeit ein teures Unterfangen ist“, sagt Petersen. „Die Leute sind sich nicht sicher, welche Vorteile das bringt. Wenn wir jedoch darauf hinweisen, dass sie damit auch die lokale Wirtschaft ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen etc., und wenn wir die Finanzierung erleichtern, dann steigt die Motivation für eine energetische Sanierung öffentlicher und privater Gebäude.“

Wenn wir davon ausgehen, dass der Grundsatz „Energieeffizienz an erster Stelle“ Vorteile bringt und die Theorie dahinter stichhaltig ist, scheint die Herausforderung in der praktischen Umsetzung des Grundsatzes zu liegen. „Wir brauchen eine Mischung aus Vorschriften und Anreizen. Menschen sollten ermutigt werden, sich in puncto Energieeffizienz als aktives Mitglied der Gesellschaft zu engagieren. Außerdem müssen wir es ihnen leichter machen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Die Macht der Unternehmen

Auch Unternehmen sind – wenig überraschend – für die Transformation von zentraler Bedeutung. „Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Erarbeitung intelligenter Lösungen“, betont Petersen. „Das gilt nicht nur für die Entwicklung und Implementierung dieser Technologien und den Nachweis ihres finanziellen Nutzens, sondern Unternehmen dienen uns allen auch als Inspirationsquelle für Effizienzsteigerungen. Die Vorteile sind also sowohl ideeller als auch finanzieller Natur.“

Darüber hinaus kann die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Behörden unmittelbaren Nutzen schaffen. „Es gab da ein interessantes Projekt in einer dänischen Gemeinde“, erzählt Petersen. „Dort wurden Dashboard-Lösungen für kommunale Gebäude entwickelt, die zum Beispiel anzeigen, dass der Energieverbrauch im dritten Stock einer bestimmten Schule in die Höhe schnellt. Also fragt man sich: Was ist da los? Wurde ein Fenster nicht geschlossen oder das Licht angelassen? Mit solchen Lösungen schaffen Sie Anreize für Behörden, da diese Geld sparen können, wenn sie auf entsprechende Hinweise hin das Fenster schließen oder das Licht ausschalten. Genau solche Anreize und Informationsflüsse brauchen wir, um es Menschen leicht zu machen, das Richtige zu tun.“

Wir hoffen, dass unser Ehrgeiz als Inspiration dient

Aktuelle Initiativen wie der europäische Green Deal unterstützen Petersens Ideen. „Das Konzept des Green Deal ist faszinierend, und ich bin ein großer Fan dieses Vorhabens“, erklärt Petersen. „Die Vision einer Transformation ganzer Volkswirtschaften ist atemberaubend. Wenn wir Erfolg haben – und angesichts der Dringlichkeit der Situation müssen wir Erfolg haben – dann ist Europa der erste Kontinent mit einem derart umfassenden, kohärenten Regelwerk, das über die Grenzen der EU hinaus wirken wird. In grünen Branchen sprechen wir vom Brüssel-Effekt. Da arbeiten diese verrückten Europäer jahrelang an ihren Richtlinien, aber wenn sie endlich handeln, nehmen die Leute es wahr und übernehmen unsere Praktiken. Wir hoffen, dass unser Ehrgeiz als Inspiration dient.“

Der Weg zum Erfolg wird schmaler

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt der Volksmund. Für Morten Petersen persönlich gibt es einen ganz einfachen Beweggrund für eine durchgreifende und schnelle Verbesserung der Energieeffizienz: die Bekämpfung der Klimakrise. „Das Klimaproblem und die damit zusammenhängenden Herausforderungen sind wirklich ernst“, sagt Petersen und verweist auf einen kürzlich veröffentlichten Bericht der IEA über den Weg zum Netto-Null-Energieverbrauch.

„Dem Bericht zufolge gibt es einen Weg zur Erfüllung dieses Ziels bis zum Jahr 2050, doch dieser Weg wird schmaler und schmaler. Mit jedem Tag, den wir ohne entschiedenes Vorgehen verstreichen lassen, wird es schwieriger. Ich sehe darin den klaren Aufruf an uns alle, jetzt endlich gemeinsam entschlossen zu handeln. Dabei brauchen wir die Unterstützung aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens – von NGOs und Wissenschaft bis zu Unternehmen, Politikern usw. Jeder muss seinen Teil beitragen, wenn wir diese Aufgabe meistern wollen.“

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